Frühjahrstagung 2024 Doku Ex Machina - Nutzung von künstlicher Intelligenz und Automatisierung in der Mediendokumentation - 22.04.2024 - 24.04.2024 () - © iStock / imaginima
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Vergessene Welten und blinde Flecken

Vergessene Welten und blinde Flecken

Die mediale Vernachlässigung des Globalen Südens

Die Medienlandschaft wandelt sich seit Jahren und Jahrzehnten. Dadurch hat sich unter anderem auch die Rolle der Medienarchive maßgeblich verändert. Neben Bewahrung, Contentrecherche und der historischen Kontextualisierung, beeinflussen sie zunehmend und mittlerweile maßgeblich die Auswahl von Bildern und Themen aktueller Medienproduktionen. Dadurch entstehen aber auch neue Verantwortungen, die im Rahmen der Programmgestaltung im Allgemeinen, sowie für die Bild- und Themenauswahl im Nachrichtenbereich im Speziellen, wirken. Der Beitrag legt exemplarisch den Fokus auf die mediale Vernachlässigung des Globalen Südens. Nicht selten weisen Medien einen blinden Fleck auf, wenn es sich um den Globalen Süden handelt. In der ersten Jahreshälfte 2022 wurde zum Beispiel in der deutschen Tagesschau über das britische Königshaus umfangreicher berichtet als über den Globalen Hunger und dem Sport mehr Sendezeit eingeräumt als allen Staaten des Globalen Südens zusammen.
In der Langzeitstudie „Vergessene Welten und blinde Flecken“ und ihren mittlerweile sechs Ergänzungsanalysen wurden etwa 6000 (1997, 2007-2022) Ausgaben der deutschen Tagesschau in der ARD, 365 Sendungen (2022) der österreichischen Zeit im Bild (ZIB 1) im ORF sowie ebenso viele Ausgaben (2022) der Schweizer Tagesschau im SRF ausgewertet; hinzu kommen zahlreiche weitere sog. Leitmedien im In- und Ausland. Die Untersuchungen erfolgten unter der Fragestellung, wie die geografische Verteilung der Berichte ausfällt und insbesondere welchen Raum Nachrichten aus dem Globalen Süden in den Medien einnehmen.
Die Ergebnisse zeigen, dass in allen drei führenden Nachrichtensendungen im deutschsprachigen Raum (wie auch in den anderen ausgewerteten Medien) der Globale Süden eklatant vernachlässigt wird. Lediglich etwa 10 bis 15 Prozent der Nachrichten entfällt in diesen Medien auf den Globalen Süden, obwohl dort 85 Prozent der Weltbevölkerung lebt. In den „Corona-Jahren“ 2020/21 und mit dem Ausbruch des Ukraine-Krieges 2022 hat sich die Marginalisierung der Länder des Globalen Südens noch intensiviert. Wichtige Ereignisse und Entwicklungen wie die Lage im Jemen, die von den UN als „weltweit schlimmste humanitäre Krise“ bezeichnet wird oder der Bürgerkrieg in Tigray (Äthiopien), der als „tödlichster Krieg des 21. Jahrhunderts“ gilt, wurden in den Nachrichten kaum bzw. gar nicht behandelt. Auch der Globale Hunger, „das größte lösbare Problem der Welt“ (so das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen, WFP), gehört zu den konsequent unterrepräsentierten Themen in den Nachrichten.
Medien fällt eine große Verantwortung zu. Sie tragen in hohem Maße dazu bei, welcher soziopolitische Wissens- und Bewusstseinshorizont sich bei ihren Rezipientinnen und Rezipienten herausbildet. Medien sind nicht nur diskursdeskribierend, sondern sie sind auch diskurskonstituierend. Sie beschreiben nicht nur, worüber diskutiert und nachgedacht wird, sondern bestimmen dies mit und haben damit auch entscheidenden Einfluss darauf, welche Themen politisch behandelt und möglicherweise auch gelöst werden können. Umso wichtiger ist es, dass der Wert von Nachrichtengeschehen nach ihren menschlichen Dimensionen und nicht nach ihrem geografischen Standort beurteilt wird.
Im Tagungsbeitrag sollen die wichtigsten Ergebnisse der Langzeituntersuchung vorgestellt werden, die die These validieren, dass die Länder des Globalen Südens in den Nachrichten stark vernachlässigt und bisweilen sogar ignoriert werden.